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ZEIT FÜR SPAM-PIROUETTEN

Von Tina Lüers

Der Baumoser ist ein hochaufgerecktes, kastenartiges Gefährt, dessen Frontscheibe über den augenförmigen Lichtern Einblick gibt in ein Fachwerkinneres. Zweckfrei steht er zur Abfahrt bereit und käme ebenso wenig vom Fleck wie die benachbarte, runde Seifenkiste, deren vier Räder in alle Himmelsrichtungen zeigen und sie maximal im Kreis bewegen könnten. Die Löcher für die Bordinstrumente gähnen leer, die Fußpedale führen ins nirgendwo. Allein ein umwickelter Schlauch, der nach außen führt, suggeriert eine Antriebstätigkeit.

Die Objekte aus alten, gebrauchten, aber ganz neu zusammengesetzten Materialien, sei es der Lieberwagen, ein bemitleidenswert zu lächeln scheinender rötlicher Wagen, das Kleine Terminschiff oder die Speditions-Rikscha führen auf Holzwege. Denken, sprechen, Gesellschaftliches scheint eine Bewegung zu vollziehen, doch ein Weg kann dabei nicht zurückgelegt werden.

Sprache – und mit ihr einhergehende Schrift – ist ein weiteres Element, mit dem Tilman Knop, dessen Installationen, Objekte, Siebdrucke und Wwucherungen derzeit (in der Galerie Ahlers, Göttingen) zu sehen sind, zentral arbeitet. Mit perfekten Schriftzügen wird Industrielles zitiert, und mehr noch, darüber hinaus spürt Knop den Verbindungen nach, die sich unwillkürlich einstellen. Der Witz, der dabei entsteht, weist vielleicht auf satirische Weise über Wortwitz hinaus, führt in vagen, nicht festgelegten Assoziationsakten den Betrachter weiter, politisch, kritisch, witzig.

Dieser Art, Felder aufzuspannen, muss man Zeit geben, den Intuitionen und ersten Gedanken nachspüren, sie weiterverfolgen, über sich hinaus weiterbauen. Materialkunst, Assemblagen, nur vermeintliche Ready-mades klingen an, vielleicht ein wenig Dada, Combine und Objektkunst, aber eben auch Satire. Die Siebdrucke des Künstlers, denen ein malerischer Unterton beigemischt ist, gehen ähnlich vor, sie überspitzen in karger Farbgebung gesellschaftliche Phänomene, mal deutlich, mal unauffällig und führen sie ins Absurde oder lassen sie unkommentiert stehen, dem Betrachter anheim gegeben. Die Grundlage dafür geben auf materieller Seite alte Markisenstoffe, deren oft grelle Färbung an den Rändern über den Rahmen leuchten, und in inhaltlicher Weise die Reihen »Commercials« und »50 Jahre Menschheit«, deren kleine Siebdrucke wie ein gedankliches Skizzenbuch wirken, aber in höchster Perfektion gearbeitet sind.

Wie die Fundstücke der Objekte zu etwas verarbeitet werden, das täuschend »echt« aussieht, so sind es hier Zeitschriften, Werbeträger und ähnliches. Die »Wwucherungen« dagegen sind schlichte Wortmontagen und -funde, die sich in ähnlich zweckfreier und doch bezugsmächtiger Weise projiziert über eine Wand wälzen: Soziälchen, Armutsgewöhnungszuschlag, Spam-Pirouette, Kreatin-Gefühlshaufen.

Sehr besonders ist Knops Umgang mit schuhkartongroßen Objekten, nicht fahrenden Gefährten, unbenutzbaren Geräten Er nimmt sie mit auf seine Solowanderreisen in subarktische und arktische Länder, setzt sie irgendwo aus, im Geröll der freigeschmolzenen Gesteinswüsten und lässt sie dort zurück. Allein Fotografien in extremen Winkeln bleiben ihm: gelandete fremde, zweckfreie und doch täuschend gut zu verwendende Dinge, die dort – wie auch hier – zu finden ein Fest ist.

Erschienen anlässlich der Ausstellung GEISTERFAHRTEN, Galerie Ahlers, Göttingen März/April 2010 Göttinger Tageblatt/15. März 2010


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