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DIE SONNE, DIE SCHEINT

Mit Tilman Knop lässt sich kein Krieg gewinnen. Zu sehr experimentiert er mit dem unterschätzten Gut Hoffnungslosigkeit, als dass sich Land und Leute durch seine Arbeiten ermutigen ließen. Er hat sich beim Abstrahieren verzählt und stiftet Verwirrung in dieser reinen, klaren Welt. Als sei ausgerechnet er der Sonderdeligierte für die Diskriminierung der Mehrheiten. Es ist so: Knop, Typ der Marke Schwarzweiß-Maler hat eigentlich nur noch ein Faible für langsam in der Abenddämmerung vorbeifahrende, lange, leere Güterzüge. Dies ist eine gut geeignete Kulisse für seine Machenschaft.

Sehnt er sich etwa zurück in eine Zeit, in der die Erfindung des Bollerwagens noch ein Äquivalent für Endorphinschauer gewesen sein muss? Doch Knop weiß, wirklichkeitsrealistisch wie er ist, die Zeiger einer Uhr drehten sich noch nie links herum. Stattdessen werden also der lieben und simplen Leiterkarre wieder und wiederholt innovative Rennreifen angeschraubt. Und nicht nur bei einer, nein, bei abermillionen gleichzeitig. In immer kürzeren Intervallen.

Bereits der britische Soziologe Sir Lawrence J. Branigon (1831-1894) beschrieb das Tempo in seinem Werk »The battlearmed Rathing« als Geschwindigkeitsursache Nummer Eins. Zeitgenössisches Marketing teilte uns unlängst gar mit, es gäbe Tempo jetzt endlich auch als Toilettenpapier. Wie auch immer. Geschwitzt wird noch heutzutage, allerdings nur komplizierter, nicht besser. Und – wegen etwas vollkommen anderem.

Inmitten einer sich eingeschlichenen Ära, in der wir uns daran gewöhnen, alles über uns ergehen zu lassen, sind Hilf- und Ratlosigkeit zu professionell kommunizierten Begriffen geworden. Kampf dem Verzicht. Wohlstand, das hat sich herausgepellt, ist die einzige Würde, die es noch gibt. Alles erstarrt in Flexibilität. Dicke Betonernten werden Jahr um Jahr ohne Rücksicht auf Lust eingefahren. Die Zuwachs-Ratten kennen keine Krise, kannten nie eine und werden auch nie eine kennenlernen. Die Fülle der Fülle nimmt beharrlich zu. Der Null-Einfluss an ihrer Abarbeitung ebenfalls. Wie einhundert Tonnen Watte.

Was also noch könnte man sich selbst vorsummen? Rückwärts nimmer, vorwärts auch nicht? Oder: Finger weg von den Jahrhunderten? Unterschwellig bekommen wir es ja schon zugefächert, dass wir überhaupt nicht ihr Ding sind. Eine Vorhut dafür sind beispielsweise die Wolken, deren Desinteresse an dem, was auf der Erde geschieht durchaus beeindruckend ist. Denn nur in den Zoo zu gehen, damit uns Tierpfleger Namen geben, die überhaupt nicht zu uns passen, das ist dann doch zu wenig. Aus allen Richtungen bimsen einem Zukunftsfröschchen weiter die Durchhalteparaole ein: ›Seht euch dabei zu, wie ihr euch gegenseitig beim Zuschauen beobachtet.‹ So bleibt in ständiger Warteschleife genügend Zeit sich zu überlegen, in welchem Film wir überhaupt noch eine nebensächliche Statistenrolle spielen. Denn das sollten wir endlich anerkennen: Der Primat durfte sich evolutionär entwickeln, der Homo sapiens lässt sich casten. Schließt man also die Umkehr: Der Lack des Affen stammt vom Menschen ab, nicht anders herum.

Ein uns zunehmend unbekannt werdendes, sich atmosphärengleich ausdehnendes Gebläse, plusterte sich von einem normalen Luftzug zu einem gigantischen, ultrahocherhitzten Wieso-Aber-Warum-Zeichen, dessen Kontur sich gegen den Himmel kaum lesbar abzeichnet. Nur ein breites Echo hallt zurück. Jedoch konnte bisher niemand verstehen, was genau es uns mitteilen will, obwohl wir ihm doch selbst dieses tief rumpelnde Rauschen souffliert haben. Wir schieben es auf die schalldämmende Bewölkung; also die Bewölkung, die beim schlechten Wetter angestellt ist. Aber sie ist nicht das Problem. Es sind die Vorhersagemoderatoren, die sich beim Publikum dafür entschuldigen, wenn sie uns für den folgenden Tag keine Sonne ankündigen können. Doch sie strahlt. Rein rechnerisch seit rund 55,2 Milliarden Monaten. Sogar hinter den Wolken. Konsequent bleibt sie das einzige, das so scheint, wie es ist. Inzwischen ist sie so hell, dass wir tagsüber überhaupt keine Lampe mehr anzuschalten brauchen. In Neuguinea soll es sogar Eingeborene gegeben haben, die allabendlich dem Sonnenuntergang applaudierten. Erfolgreich schoben seinerzeit diese Vorfahren auf solche Weise Tag für Tag den Tag vor sich her, an dem alle damit aufhören müssten geil zu sagen.

Bevor nun Bazon Brock dazu ansetzen könnte, was dies alles mit Kunst zu tun hat, bräuchte vielleicht einfach nur ein Ruck durchs Universum zu gehen. Alles würde auf Neu geschüttelt werden. Auch wenn wir uns fürwahr noch etwas gedulden müssen, aber rumort es nicht schon in all den gesättigten Hirnen und auf den überentwickelten Halden? Ein zweiter Urknall, das wäre es.


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