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WIR WISSEN NICHT WOHIN, ABER WIR SIND SCHNELLER DORT

Er sammelt alles, was die tägliche Informationsflut an Verwertbarem vorbeispült und kreiert daraus Objekte, Wort- und Bildkollagen, die den Aberwitz der Konsumgesellschaft spiegeln. In seinen Arbeiten entlarvt der Künstler Tilman Knop mit ironischem Hintersinn die Beliebigkeit all dessen, was uns Fortschritt suggeriert und stellt die Frage nach dem Sinn des Ganzen.
Von Sören Hauck

Täglich wird man konfrontiert mit unsinnigen Werbebotschaften wie »Noch weißer«, hört Radiomoderatoren ankündigen, wie heute das Wetter war, oder sieht in das generierte Lächeln einer Medienprominenz, die uns sein/ihr Erfolgsrezept vorkocht. Bedrohliche Dimensionen haben die Mechanismen des Marktes angenommen, auch wenn die Gewohnheit den Eindruck vermittelt, alles sei natürlich. Vieles von dem, was via TV, Internet, Radio oder Printmedien permanent über uns ausgeschüttet wird, stets mit dem Ziel nach größtmöglicher Aufmerksamkeit, erscheint seltsam, fremd, zuweilen bizarr. Das meiste dieser Beiläufigkeiten wird, kaum registriert, gleich wieder vergessen. So flüchtig wir Bilder, Worte, Töne wahrnehmen, werden sie von nachrückenden schon wieder verdrängt, überlagert, kaum dass sie unser Bewusstsein erreicht haben. Ein Entrinnen gibt es dennoch nicht, einiges durchdringt den Filter, wird gespeichert, manches für länger. Wer weiß, wozu es noch nützlich sein kann.

Einer, der die tägliche Welt des Konsums und der Medien durchforstet, ist Tilman Knop. Sprache, Worte und Bilder, aus ihren Sinnzusammenhängen gelöst um sie in neue zu heben, spielen eine wichtige Rolle im Werk des Künstlers. Danach suchen muss er nicht. Im Alltag aufgenommen, sammelt er Banales wie Kurioses aus Werbeslogan und Schlagzeilen, von Bedienungsanleitungen, Hinweisschildern und anderem Gedruckten, Gesendeten und Gesagten. Neben klangvollen Wörtern sind es solche von »wucherndem Sinn, der sich an die Ratio einer vernünftigen Welt lehnt«. Sorgfältig notiert, füllen die Schlagwörter, Zitate und Statements inzwischen Tausende von kleinen Zetteln, die in Gestalt einer meterlangen Rolle von der Akribie des Jägers und Sammlers Knop zeugen, der verwertet, was den meisten wertlos erscheint.

Wie in der Musik sampelt und mixt der Künstler seine Fundstücke mit dadaistischem Witz und Experimentierfreude zu neuen Kreationen, die neue Assoziationen wecken und zuweilen den Niedergang und die Entartung der Sprache ironisch konterkarieren. Als »Wwucherungen« gelangen seine Schöpfungen auf die weißen Galeriewände und in die Wahrnehmung des Betrachters. In schwarzen Lettern und unterschiedlichen Proportionen füllen sie, ungeordnet und zugleich in ästhetisch komponiertem Arrangement wie ein Sternenhimmel an der Schlafzimmerdecke, die bedeutungsschwangere Fläche: SOZIALGALAXIS, WELTWEITE ABSTRAHIERUNGSSKRUPEL, DESIGNERSLIP, PROBEGOTT. Kontrapunktartig stellt Knop seine imaginären Wortschöpfungen unkommentiert realen gegenüber und provoziert disparate Assoziationen: »Hämatom Royal« versus »Gwyneth Paltrow« – und man fragt sich, »warum sie kommen und welchen Ursprungs sie sind, daran kann es allerdings keinen Zweifel geben« (T. K.).

Tilman Knop ist 1965 in Hamburg geboren und studiert dort 1988-1994 Malerei und Grafik an der Fachhochschule für Gestaltung. Seitdem arbeitet er als freischaffender Künstler in seiner Vaterstadt. Zahlreiche Ausstellungsbeteiligungen, zuletzt u. a. in Düsseldorf, Frankfurt, Köln, Berlin und Bremen, aber auch in Frankreich, Belgien, Norwegen und den USA, sorgen für ein beachtliches Portfolio. Abgesehen von einigen Vorstellungen in heimischen Ausstellungsräumen und Galerien pflegt der Künstler besondere Beziehungen zu Tilburg in den Niederlanden und mit dem dortigen Künstlerkreis. In der Universitätsstadt wurden bisher drei seiner in etwa jährlicher Regelmäßigkeit stattfindenden Einzelausstellungen umgesetzt, darunter die erste von inzwischen neun mit dem Titel »…sozusagen…«.
Einige Gruppenausstellungen fanden gemeinsam mit seinem Kollegen Till Gerhard statt, mit dem auch einige Gemeinschaftsarbeiten entstanden. In diesen Ölbildern werden mit starker Farbigkeit und zum Teil sarkastischen Unterton der Kontemplation von allegorischer Symbolik zuleibe gerückt. Im Zusammenspiel von Bild und Titel findet jegliche Interpretationsfrage Auflösung, wenn zum Beispiel das Banner stars and stripes inmitten einer Tropfen speienden, blubbernden Masse versinkend mit »Fettreich« bezeichnet ist.

Das Schaffen von Tilman Knop besteht jedoch nicht nur im kreativen Spiel mit Sprache. Das Werk des Hamburgers, der auch Schlagzeuger in der Punk-Rock Band »Doppelgenscher« ist, wird vor allem bestimmt von Objekten, Siebrucken und Fotografien. Seine bildnerischen Arbeiten, ebenfalls Anspielungen auf die Konsum- und Medienwelt, werden dabei häufig von Texten umspielt. Worte und Bilder, Sequenzen aus den täglichen Botschaften des medialen overflow bilden auch den Kern von »Commercials». Bereits 1994 begonnen, entstand bis heute eine Serie von etwa 2370 kleinen Unikaten, deren Gemeinsamkeit in den Abmessungen von nur 7 x 7 x 2 cm besteht.
Die Motive entwickelt Tilman Knop im Wesentlichen wieder aus der Welt der Werbung. Zeitung, TV, Spam oder Produktverpackung, das sind die Quellen seines künstlerischen Logbuches. Wie mit dem Seziermesser löst er, manipulierend und chiffrierend, einzelne Bilder heraus und generiert sie zu Surrogaten künstlerischer Neunutzung. Sie bilden die Grundlage für die »Commercials«, deren komprimierter Inhalt sich nun aus völlig anderem Blickwinkel neu erschließen lässt. Bewusst wird hier, ähnlich wie in den Vorlagen, Fantasie abverlangt. Anstelle des Ahnung verheißenden Titels erhalten die kleinen Quadrate Nummerierungen in Reihenfolge ihrer Entstehung. Manche der kleinformatigen Siebdruckarbeiten führen eine Textpassage, die auf den ersten Blick das Bild kommentiert. Durchblick zu erhalten hofft man allerdings vergebens. Dafür gestaltet sich die Ratlosigkeit wenigstens etwas erträglicher. Die Grenzen zwischen Belanglosem und Wichtigem sind ebenso wenig zu finden wie Antworten. Darin besteht eine Idee, indirekt die Frage zu stellen nach dem Sinn des Ganzen.
Bei diesem inzwischen zum Markenzeichen gewordenen Langzeitprojekt, anfangs mit einer Arbeit pro Tag, lässt Tilman Knop die Strategie des Marketing auf geniale Weise in die künstlerische Idee einfließen. Sorgfältig nummeriert, datiert und signiert gelangen die Täfelchen – als Edition bei Hamburger Multiple Box verlegt – in einer kleinen, eigens angefertigten Schachtel an den Sammler. Erinnerungen an Gerhard Richters 115 Täfelchen »Grün-Blau-Rot« von 1970 werden geweckt, obgleich die Intention eine andere war. Die werbewirksame Präsentation der kleinformatigen Siebdrucke auf unterschiedlichem Tuch ist Bestandteil der Kunst. So wird die der Werbung entnommene Momentaufnahme, das Sample im doppelten Wortsinn, transformiert in ein künstlerisches Medium, wieder seiner ursprünglichen Funktion zugeführt.
Wortkollagen auf Bildsample en miniature, das sind die »Commercials«. Dabei steht weniger das einzelne Ergebnis im Mittelpunkt, es geht mehr um das serielle Ganze, das die einzelne Arbeit erhöht.

2006 erhielt Tilman Knop einen Lehrauftrag für Siebdruck an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Die Stadt ist sein künstlerisches wie privates Zuhause. Hier lebt und arbeitet er. Was ihm nicht aus dem Datenstrom ins Netz geht, entdeckt er in den Vierteln Hamburgs und auf dem Weg zu seinem Atelier. Den legt er, der Bescheidene, naturgemäß mit einem alten Damen-Fahrrad zurück. Was wäre aus Sicht des Sammlers auch besser geeignet, der rastlosen Großstadt all das Elend abzuringen, den status quo des ewig Unvollendeten, im Zeitlupentempo, um es »aufzulesen».
Auf großformatigen Siebdruckbildern tauchen sie wieder auf, Versatzstücke des Urbanen wie Brücken, Häuser und Fahrzeuge, oft missgebildet, unfertig auf Distanz hinter Bretterwänden und Leitplanken oder mutiert zu amorpher Unkenntlichkeit. Kräne und Stützkonstruktionen sorgen derweil für den Eindruck progressiven Entstehens. Hochhäuser scheinen die Ambitionen der Menschheit nach Höherem zu symbolisieren wie die Botschaften auf Werbebannern. Menschen dagegen erblickt man selten. Stattdessen gewinnt das Szenario durch eigenartige Wesen, scheinbar synthetisierte Comicgestalten, etwas Komisches, gleichermaßen Unheimliches. Alles verschwimmt durch das bleichende Weiß des Grundes in einem nebligen Schleier. Das Weiß dominiert die Leinwand, aber nicht rein und unschuldig, sondern mehr als vergilbtes bis graues Kolorit der Beklemmung. Hoffnungslosigkeit macht sich breit hinter den apokalyptischen Kulissen.
Antworten in den Bildtiteln zu finden, hofft man auch hier wieder vergeblich: »Der Gebäudeslip«, »Tante Kuscheltechnologie« oder »Boulevard Onkel Heiner« bieten allerdings wenig Ansatz zu derart düsteren Interpretationen. Den ironischen bis zynischen Bezeichnungen seiner grotesken (Stadt)Landschaften ist allenfalls eine Ablehnung der »Fortschrittsgläubigkeit« abzulesen. Oder spielt hier nur der Zufallsgenerator verrückt? Romantik sieht jedenfalls anders aus.

Tilman Knop, der mit seiner Kunst auf die leere Plakativität seiner »Gegner« zielt und mit seinem poetisches Esprit irgendwie an Peter Licht und dessen »Lieder vom Ende des Kapitalismus« erinnert, ist ein eher zurückhaltender, ruhiger Zeitgenosse. Oft verlässt er die hektische Welt der Zivilisation, um in den menschenarmen Gegenden Skandinaviens oder Islands – jüngst im finnischen Lappland – die Art Ruhe und Frieden zu finden, die hier nirgends mehr zu leben ist. Im Gepäck hat er dann ein seltsames »Objekt«; etwa das Modell eines Bollerwagens mit Rennbereifung [»Roh Kong (Pullmann)«], oder eines zweirädrigen Gefährts, dessen Plane mit dem Aufdruck »Not Holz Günther« versehen ist. Es sind kleinere Nachbauten der »Vehikel«, eines weiteren Stranges im vielfältigen Werk des Künstlers, der sich nicht festlegt, weder in Bezug auf das Sujet, noch auf die Technik. Nachdem sie abgelegt wurden wie Opfergaben sind die »Vehikel; draussen» ganz der Natur überlassen, Eisen zu Eisen, Holz zu Holz. Eingebettet in jungfräuliche Landschaften von unendlicher Weite geben sie einen heiteren Anblick vom Untergang der Technik. Mit der fotografischen Dokumentation endet das oft wiederholte Ritual.

Während die Nachbauten als Artefakte in der suggerierten Ewigkeit zurück bleiben, erfüllen die Prototypen als quasi Beweisstück der Existenz ihren Auftrag zur Vollendung des konzeptuellen Gesamtplanes (den es sicher nicht gibt).
Detailverliebt – sogar das nachgebildete Tape von Henry Valentino und Uschi liegt im Cockpit des »Kleinen Terminschiffs« – und versehen mit witzig verballhornten Logos des Corporate Identity an Karosserie und Bereifung – IS SO – stehen sie im Raum und entpuppen sich bei näherer Betrachtung als fahrunfähig. Gestreckte Karosserien und elliptische Räder, fensterlose, verschlossene Fahrerkabinen, als Fortbewegungsmittel sind sie nicht zu gebrauchen. Ebenso ungeeignet zum Gewinn eines von Daimler und Co ausgelobten Design Awards bleiben den eigenartigen Gebilden andere Assoziationen. Eindeutig erscheinen Knops vermutlich gehegte Hintergedanken am Modell »Satt Kreisler«, dessen Speichenräder so angeordnet sind, dass es sich endlos im Kreis um die eigene Achse drehen würde. »Dem Irrsinn mit Witz begegnen« scheint das Credo des Künstlers zu sein. Oval verformte Räder, »LAZY BONES«, oder überhaupt nur zwei, ergänzt durch Deichsel oder Überrollbügel, verweisen dagegen in vollem Ernst auf die Fragwürdigkeit ständig modifizierter Mobilität. Die edel erscheinende Haut des aufgeblähten, Ufo-artigen Vehikels »HOGBOURASBROMÇOTKÝ«, dessen Räder nicht den Boden erreichen, mag eine Anspielung sein auf die Kehrseite des nach immer Luxuriöserem lechzenden Wohlstandes. Wie viel Verschwendung verträgt die Welt noch, bevor alles den Bach runter geht? (...)


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